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Sie ist dumm, und sie will es bleiben!

Christina Broda

Christina Broda

“Sie ist dumm, und sie will es bleiben!” Bei regnerischem Wetter habe ich mir neulich mit viel Freude einen Märchenfilm angesehen. Am Ende einer langen Brautschau unter den Prinzessinnen des Landes sagte der Prinz über eine abgelehnte Kandidatin „Sie ist dumm – und sie will so bleiben!” Dieser Satz hat mir so gut gefallen, dass ich ihn hier gleich verwenden möchte. Denn kennen Sie in Ihrem Umfeld nicht auch Menschen, die sich dafür entschieden haben, dumm zu bleiben? Vielleicht ist ‚dumm zu bleiben‘ etwas hart gesagt. Aber zumindest Menschen, die spätestens nach der Ausbildung für sich entschieden haben, freiwillig nichts Neues  mehr dazu lernen zu wollen.

Für mich, die sich lebenslanges Lernen mit Begeisterung auf ihre Fahnen geschrieben hat, eine unverständliche Haltung. ‚Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir!‘  lautet der im Bildungsbereich gern zitierte Ausspruch, den Seneca ursprünglich übrigens genau anders herum formuliert hat, nämlich ‚non vitae sed scholae discimus‘. Als Schüler denken wir ja tatsächlich oft, wir lernten nur für die nächste Mathearbeit und für das Versetzungszeugnis. Einige lernen angeblich auch nur so viel, weil es für jede 1 von der Oma 5 Euro gibt.

Oft begreifen wir zu spät, welcher Luxus Wissen und seine Aneignung ist. Dabei bedeutet Lernen doch Fülle! Erst einmal im Kopf, weil das Wissen ja irgendwie gespeichert werden muss. Aber dann bedeutet Wissen auch ganz viel Fülle im anderen Sinne, wenn man sich wie in einem Supermarkt aus verschiedenen gut gefüllten Regalen sorglos bedienen und einen wundervollen Präsentkorb zusammenstellen kann, je nach dem, wer der Empfänger ist. Schulanfängern schreibe ich gerne auf die Karte, dass Lernen, vor allem das Lesen können, die Welt richtig groß macht. Wir können uns selbst informieren über alle möglichen Themen, wir können uns bis zum Experten Spezialwissen aneignen. Wir sind unabhängig von jemandem, der uns ‚vorliest‘, weil wir selbst in der Lage sind, uns Wissen anzueignen. In Zeiten des Internets ja noch leichter als früher.

Alles in der Natur will wachsen, größer werden, sich ausbreiten und in voller Schönheit zeigen. Warum sollte es unserem Geist anders gehen?

In den kairologischen Lebensphasen lernen wir unterschiedlich, unserer jeweiligen Dynamik entsprechend. In der Lebensphase 1, die für die Ur-Liebe steht, lernen wir eher emotional. Wir werden getragen, gehoben, gestreichelt, geküsst wenn wir gelernt haben, fein Bäuerchen zu machen oder unseren Teller leer zu essen. Wir spielen viel und lernen daraus. Unsere krickeligen Kinderzeichnungen nehmen unsere Tanten von uns mit Tränen der Rührung in den Augen entgegen. Wenn Mama uns liebhält, ist alles gut! Wir lernen spielerisch und über Emotionen.

In Lebensphase 2, die für den Ur-Glauben steht, lernen wir den Glauben an, gut und böse, richtig und falsch‘. Dann werden wir von Vater, Lehrer oder Sporttrainer belohnt und gelobt, wenn wir etwas gelernt haben. In der ersten Klasse bekommt man noch drei Pferde- oder Hundestempel, wenn man etwas richtig gut gemacht hat, später dann eine 1. Wir können gar nicht abwarten, zur Schule zu kommen und sind sehr wissbegierig. Wir lernen über Beurteilung durch (hoffentlich) positive Autoritäten.

In Lebensphase 3, die für die Ur-Hoffnung steht, in die ja auch die Pubertät fällt, hoffen wir darauf, dass das, was wir vorher gelernt haben, auch Bestand hat. Wir wollen lernen, um zu verstehen. Pubertär provozierend testen wir aus, ob das, was man uns beigebracht hat, tatsächlich gilt. Wir testen aus, ob die Beziehung noch Bestand hat, wenn wir uns gegen die Regeln verhalten und wir hoffen, dass es zutrifft. Wir lernen durch das In-Beziehung-Setzen des Erlernten mit unserem Verhalten und die Reaktion unserer Umwelt darauf.

Diese Lernprozesse ziehen sich in ihrer jeweiligen Form durch unser Leben. In der letzten Phase der Persönlichkeitsentwicklung, im Alter zwischen 52 und 58 Jahren, der Lebensphase 9, setzen wir dann alles aus unserem Leben miteinander in Beziehung. Wir wollen das Wissen haben, das unsere eigene Ganzheit fördert und unser eigenes Profil schärfen. Und da in Lebensphase 9 müssen wir dann auch Farbe bekennen vor uns selbst, ob wir wirklich unser Leben unseren Anlagen, Potenzialen, unseren Fähigkeiten entsprechend gestaltet und gelebt haben.

Wenn dann dabei rauskommt, dass jemand ab 20 – ich übertreibe jetzt etwas – nur noch BILD-Zeitung gelesen und RTL geguckt hat, sich für sonst nichts interessiert und nichts dazu gelernt hat, so können wir davon ausgehen, dass diese Person nicht das Optimum aus ihrem Leben gemacht und ganz sicher nicht ein erfülltes Leben geführt hat. Ihre Entscheidung an einem bestimmt Punkt im Leben war: ‚sie ist dumm – und sie will so bleiben‘. Das Wort dumm ist in diesem Sinne dann eher als eingefrorener Status Quo anzusehen.

Überall auf der Welt kämpfen Menschen darum, lernen zu dürfen. Sie haben den Traum von ganz viel Wissen und eine Ahnung von der Vergrößerung ihrer Welt durch dieses Wissen, kurz: sie streben nach der Fülle des Wissens. „Schmiede das Eisen, so lange es heiß ist“, finde ich in diesem Zusammenhang ein gutes Ansinnen. Denn wenn der Wunsch nach Lernen kommt, das dann auf später zu verschieben, weil dann …. besser ist, ist wahrscheinlich dann erst mal für lange Zeit aufgeschoben. Dem gegenüber halte ich den Spruch „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ für eine faule Ausrede. So viel Menschen haben im Rentenalter noch neue Hobbies gelernt, die Vorlesungen an den Senioren-Universitäten sind rappelvoll.

Und wozu nun das alles? Weil ich Ihnen wünsche, dass Sie ganz viel Freude am ewigen Lernen, an der damit verbundenen Eroberung Ihrer Welt und an dem köstlichen Gefühl der diesbezüglichen riesigen Fülle in sich erfahren. ‚Sie ist dumm – und sie will so bleiben‘ ist dann für kein Mitglied dieser Gruppe, egal ob Mann oder Frau, ein zutreffender Satz – und DAS, liebe Gruppenmitglieder, finde ich, kann gerne so bleiben!

Eine lernreiche, heitere Woche.
Christina Broda

Kairos-Leittext 8. April 2015