Kairos und Überforderung

Dr. Karl Hofmann

Dr. Karl Hofmann

Dr. Karl Hofmann schreibt zum Thema Kairos und Überforderung: Depressive sind häufig Menschen, die sich unheimlich unter Druck setzen und hart mit sich umgehen. Depression ist eine Überforderungsstörung.“, sagt Josef Aldenhoff, lange Jahre der Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Kiel, in einem Interview.

Was geschieht in einer solchen Depression? Man hat nicht mehr genug Kraft, seine Wirklichkeit positiv zu nehmen. Das ist kein Sach-, sondern ein Kraftproblem. Es hat nicht zuerst damit zu tun, dass einer viel Arbeit hat oder darüber hinaus durch seine Beziehungen oder Schicksalsschläge besonders gefordert ist. Denn der Mann oder die Frau nebenan bewältigt vielleicht Ähnliches ganz gut. Wenn von diesem Mangel an Kraft die Rede ist, ist nicht direkt körperliche oder geistige Kraft gemeint, nicht einmal das, was man psychische Kraft nennt; denn „Depressive sind keine Weicheier“, so Aldenhoff. Es geht um die Kraft des In-Beziehung-seins.

Dieses In-Beziehung-sein ist keine leicht fassbare Qualität. Es hat mit verschiedenen menschlichen Kreativkräften zu tun. Jeder inneren Lebensaufgabe entspricht eine andere Art von Kraft. Festigkeit in der eigenen Überzeugung etwa bedarf einer anderen Bindekraft als Aufbruch und Offenheit. Das In-Beziehung-sein ist auch nicht immer gleich in seinem Potenzial gegeben. Es verändert sich gemäß einer eigenen Zeit-Dynamik. Was in der einen Lebensphase gut auszuhalten ist, erschlägt einen schier in einer anderen.

Kurz gesagt: Eine Überforderungsstörung zeigt an, dass man zu weit von seinem Kairos abgewichen ist, sich zu sehr fremdsteuern ließ, in einem Zuviel oder Zuwenig gelandet ist. Der Psychologe beobachtet dann Depressionen, Burnout, Angststörungen oder Panikattacken. Er weiß meist um viele Methoden, damit umzugehen. Das Ziel aller Wege aber muss sein: Den Betroffenen wieder dahin zu führen, wo er seinem eigenen Kairos begegnen und sich fortan von ihm führen lassen kann. Denn Kairos ist das eigentliche Maß jedes Lebens. Jedem gibt er seine einmalige Dynamik und setzt ihn zugleich in Beziehung zu seinem geschichtlichen Potenzial. Was aber will man mehr? Schon Augustinus sagt in seinen Gesprächen „Über das Glück“: „Wo aber Maß und richtiges Verhältnis, gibt es kein mehr oder weniger.“

Mein Wunsch für diese Woche: Lassen Sie sich fordern, aber nicht überfordern. Hören Sie auf Ihr Maß. Ihr Dr. Karl Hofmann

Kairos-Leittext 21. Mai 2014

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