Kairos-Frage: Was ist denn Ihre Vernunft?

Christina Broda

Christina Broda

Kairos-Frage: Was ist denn Ihre Vernunft? Bei der Vorbereitung eines Kommunikationsseminars wurde mir neulich blitzartig bewusst, dass ich neben der genau gewählten Ansprache bzgl. Herkunft, Alter, Fachwissen, Charakter auf noch einen Punkt achten sollte, um mein Gegenüber gut abzuholen: seine/ihre Vernunft. Damit ist nicht gemeint, ob jemand irre ist oder bei klarem Verstand, sondern es geht um den Punkt, inwiefern etwas für jemanden ‘vernünftig’ im Sinne von bedeutungsvoll erscheint. Denn das, was für uns Bedeutung hat, ist auch das, womit wir in Beziehung sind und dort ist dann auch Kraft. In der Kairos-Wissenschaft unterscheiden wir drei Vernünfte: Die Wir-Vernunft, die Ich Vernunft und die Welt-Vernunft.

Die Wir-Vernunft
Die Zeit des Heranwachsens von 0-19 J ist die Zeit, in der der Mensch die Gruppe unbedingt braucht. Ohne seine Horde / Familie würde ein Kleinkind verhungern. In der Klasse nicht dazu zu gehören, sei es durch Verhalten oder durch die falsche Turnschuhe-Marke empfinden Kinder und Jugendliche als „tödlich“. In der Pubertät ist das Wir-Gefühl der Clique als Abgrenzung zu den Eltern besonders stark ausgeprägt.

Die Ich-Vernunft
In dieser Zeit der Ich-Vernunft von 20-38 Jahren geht es um die Entfaltung des eigenen ‚Ich‘.
Wer bin ich als Individuum, was will ich eigentlich, wie passe ich zu jemand anderem, welche Berufswahl treffe ich, will ich Karriere machen und wenn ja, wie, wie will ich wohnen und wie will ich mein Leben gestalten?

Die Welt-Vernunft
In dieser Zeit der Welt Vernunft von 39-58 Jahren geht es darum, etwas in die Welt zu tragen: seine Ansichten, sein Wissen, sein Können und seine Erfahrungen, seine Normen. Die Welt soll erkennen, wer man ist und man möchte etwas Bleibendes in die Welt tragen. Man hält etwas für richtig und will, dass es auch die Welt für richtig hält.

Was bedeutet das nun für die altersgemäße Ansprache in Ihrer Kommunikation? Aus den Beschreibungen der verschiedenen Vernunft-Erfahrungen ergibt sich, dass man einen Jugendlichen auf einem anderen Nerv treffen muss als einen Mittdreißiger oder einen noch Älteren.

In der Wir-Vernunft will man in der Gruppe sein, dazugehören. Also brauchen wir auch eine Ansprache, die das Gefühl der Zugehörigkeit stärkt. Die Ansprache sollte daher besonders auf das Wir-Gefühl ausgerichtet sein: “Wir brauchen Dich für die Gruppe! Alle machen mit. Bist Du dabei?”

In der Ich-Vernunft will ich selbst entscheiden und frage mich, wie ich zu der Sache stehe. Wir müssen also eine Ansprache wählen, die die Entscheidung für die Sache leichter macht. “XX ist eine gute Sache. Magst Du das unterstützen? YY ist ein wichtiges Anliegen für das wir Dich brauchen!”

In der Welt-Vernunft möchte ich mein Wissen in die Welt bringen. Wir brauchen daher eine Ansprache, die dem Wunsch, das Wissen für die Nachwelt zu bewahren, Rechnung trägt.
“Du hast so viel Erfahrung in diesem Bereich gesammelt. Wir brauchen Dich und Dein Wissen auch weiterhin. Wir möchten auf Dein Können nicht verzichten. Du bist mit Deinem Wissen für unser Anliegen so eminent wichtig. Wir brauchen Dich.”

Als geschulte Kairologen müssen wir also nicht nur auf die verbale und inhaltliche Verständlichkeit unserer Kommunikation achten. Das ist ja immer sehr förderlich. Wir können uns aber mit dem Wissen um die kairosgemäße Ansprache die Kommunikation sehr erleichtern und damit für bessere Gespräche sorgen, wenn wir unsere Formulierungen entsprechend der jeweiligen „Vernunft“ unseres Gegenübers wählen. Bei einer Einzelperson ist es noch recht einfach, wenn wir das ungefähre Alter abschätzen können oder wissen. Bei Teams und Gruppen sind wir gut beraten, den Sachverhalt zwar generell darzulegen, jedoch so weit wie möglich eine direkte kairosgemäße Ansprache zu wählen. Z.B. „Wir sind hier, um noch neue Mitglieder für unsere Organisation werben.
Denn je mehr wir sind, umso schlagkräftiger können wir agieren. (Wir-Vernunft)
Unsere Organisation ist für unser soziales Zusammenleben sehr wichtig. Ohne sie hätten wir nicht ….. Aber es ist wichtig, dass genügend Menschen dahinter stehen. (Ich-Vernunft)
Vor allem aber brauchen wir das Wissen und Können von Ihnen, um unser Vorhaben auch für die Zukunft fit zu machen. Dafür brauchen wir Sie!“ (Welt-Vernunft)

Probieren Sie es im Alltag doch einmal aus. Und berichten Sie der Gruppe dann gerne von Ihren Erfahrungen. Wir sind sehr gespannt.  Eine Woche mit guten, ‘vernünftigen’ Gesprächen
wünscht Ihnen mit lieben Grüßen

Christina Broda
Kairos-Leittext 22. Mai 2014

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