Von der Magie des Anfangens

Von der Magie des Anfangens: Kennen Sie das? Sie haben sich etwas vorgenommen. Etwas Neues, z.B. zum ersten Mal Sushi zubereiten für Ihre Verwandtschaft. Oder – unternehmerisch gedacht – Sie wollen zum ersten Mal einen Vortrag halten für die Teilnehmer einer vertrauten Gruppe. Sie wissen genau, dass Sie es „eigentlich“ tun wollen. Auf der einen Seite spüren Sie sogar eine gewisse Vorfreude darauf. Auf der Seite empfinden Sie eine gewisse Spannung im Bauch, wenn Sie daran denken, jetzt geht es los. Aber es ist ja noch „etwas“ Zeit bis dahin. …

Der Moment kommt näher und näher und schließlich müssen Sie Farbe bekennen. Und da passiert’s. Schwups kommt der Verstand um die Ecke, macht sich groß und stark und breitet seine ganze Palette von Hirn-Argumenten aus, warum gerade jetzt der falsche Zeitpunkt ist, es zu tun. Denn:

- Sie haben ja noch viel zu wenig Erfahrung damit.
- Sie hatten ja gar keine Zeit. …
- Warum müssen Sie sich denn so stressen?
- Sie haben ja noch viel zu wenig geübt.
- Nächstes Mal, nächste Woche, nächsten Monat oder nächstes Jahr
ist ja auch noch Zeit.
- Und schließlich sind Sie ja so sowieso noch so „unfertig“.
- …

Szenenwechsel: Im Kindergarten werden Kinder für ein Theaterprojekt gesucht. Kein Kind hat damit Erfahrung, aber alle sind begeistert und außer Rand und Band, das Neue zu erleben und auszuprobieren. Jeder möchte mitmachen und die Erwachsenen haben ihre liebe Not, denn
jeder möchte der Prinz oder die Prinzessin sein. Und jetzt kommt’s: Kaum ein Kind macht sich Gedanken, ob es die Rolle auch richtig spielen kann oder ob die Rolle vielleicht etwas zu schwer ist. Ob es richtig steht, richtig spricht oder sonst die Rolle richtig ausfüllt. Der zu erwartende Spaß, etwas Neues auszuprobieren ist einfach stärker. Die Vorfreude, etwas Neues zu erleben und sich neu zu erfahren, trägt die Kinder über jeden Zweifel hinweg. Die meisten Kinder sehen sich schon auf der Bühne spielen und freuen sich auf die neue Erfahrung und auf den Applaus. (Natürlich haben wir auch hier die Ausnahmen, aber ich denke, Sie wissen, was ich meine?)

Die große Angst vor Fehlern ist den meisten Kindern fremd. Die ist nämlich ziemlich unnatürlich. Das erziehen wir den Kindern als ‚Kulturleistung’ an. Spätestens mit 12 Jahren (auch mitgeprägt durch Schulerfahrungen) kommt dann auch bei den Kindern langsam die Bedenken- und Sorgenträgerei und hemmt die Unternehmungslust und den Spaß, das neue Unbekannte zu wagen. Und das finde ich schade. Jedes Neue hat seine Entwicklungsphasen. Diese sind so wie sie sind. Punkt. Es geht überhaupt nicht um das Aussehen, um die Form oder um die Perfektheit. Darum geht es im ersten Schritt nie.

Es geht immer um den Erfahrungsaufbau und um das Vertraut werden mit einem Thema oder einer Sache. Das ist ein Prozess. Machen wir es doch wie die kleinen Kinder im Kindergarten und genießen einfach. Jeder, der ein Musikinstrument spielen gelernt hat, eine Sportart ausübt
oder jeder, der sich an das Erlernen seiner Fähigkeiten erinnert, kennt das Prinzip. Jede Erfindung, die wir jetzt so gern selbstverständlich in unserem Alltag benutzen, war am Anfang umständlich, riesengroß, viel zu langsam, konnte nur ein Bruchteil von dem, was heute möglich ist, war zu laut, zu kurz, etc.

Wir brauchen diese Phase, um mit einer Sache vertraut zu werden und uns auf das Neue einzustellen. Das geht immer langsam und sieht am Anfang umständlich aus. Aber es ist die Voraussetzung, dass etwas Schönes und Gutes neu gelingen soll.Hier ein schönes Beispiel aus Afrika. Nehmen Sie sich die Zeit und schauen Sie bitte das Video zu Ende. Es ist wie so häufig im Leben: Das Wichtigste kommt am Schluss. Es braucht aber immer auch den Anfang.

Eine magische Woche des Anfangens und viel Erlebensfreude bei neuen Dingen.
Kairos-Leittext 23. Februar 2011

 

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