Viele Wege führen nach Rom.

Viele Wege führen nach Rom. Auch in der Physik. Mit meinem Professor hatte ich im Physikstudium großes Glück. Er gehörte zu den Menschen, die über den Tellerrand schauten und darauf achtete, dass seine Studenten auch fürs Leben gewappnet sind. Während meiner Zeit in einem Studienprojekt mit drei Kommilitonen erzählte er uns folgende Geschichte: An der Universität Kopenhagen wurde folgende Examensaufgabe gestellt: „Erläutern Sie, wie Sie mit Hilfe eines Barometers die Höhe eines Wolkenkratzers ermitteln können.“ Einer der Studenten antwortete wie folgt: „Ich binde das Barometer an eine lange Schnur und lasse es vom Hochhaus herunter. Die Länge der Schnur plus die Länge des Barometers im Moment, in dem das Barometer den Boden berührt, ergibt die Höhe des Hochhauses.”

Der Prüfer war über diese originelle Antwort erbost und lies den Studenten durchfallen. Der Student erwirkte eine Überprüfung dieser Entscheidung, so dass ein Schiedsgericht feststellte, dass die Antwort zwar richtig sei, aber auf keinerlei Physikkenntnisse schließen ließe. Das Schiedsgericht empfahl, in einer mündlichen Prüfung diese Physikkenntnisse zu überprüfen. In dieser mündlichen Prüfung mit derselben Aufgabe, vergingen die ersten Minuten im Schweigen. Als einer der Prüfer nachfragte, worauf der Student warte, antwortete dieser: Er habe mehrere mögliche Lösungen im Kopf, könne sich aber noch nicht entscheiden, welche er präsentieren möchte. Ungeduldig bat ihn der Prüfer einfach anzufangen. So begann der Student:

 

„Nun, ich könnte das Barometer von der Dachkante des Hochhauses fallen lassen und die Zeit (t) bis zum Aufschlag messen. Die Höhe (H) würde ich dann mit der Formel für beschleunigte Massen mit H=0,5g * t berechnen (g ist die Gravitationskonstante 9,81). Das wäre aber schlecht für das Barometer.“

„Oder ich warte bis die Sonne scheint. Dann könnte ich das Barometer senkrecht aufstellen, dann die Länge des Barometers, die Länge des Schattens des Barometers und die Länge des Hochhausschattens messen. Mit diesen drei Werten kann ich dank der proportionalen Arithmetik die Höhe des Hochhauses bestimmen.“

„Sollten Sie auf eine hochwissenschaftliche Antwort bestehen, könnte ich das Barometer an einen kurzen Faden binden und wie ein Pendel zuerst auf dem Boden und dann auf dem Dach hin- und herschwingen. Die dabei gemessene Differenz der Gravitationskraft, die das Pendel ausgleicht, lässt auf die Höhe des Hochhauses schließen.“

Vor Erstaunen konnte keiner der Prüfer den Studenten unterbrechen, also fuhr er fort: „Wenn das Hochhaus eine Feuerleiter oder eine Außenlift für Fensterputzer hat, könnte man beim Hochsteigen oder -fahren die Barometerlängen übereinander einzeichnen. Die Anzahl der eingezeichneten Barometerlängen mal Länge des Barometers ergibt die Höhe des Hochhauses.

Wenn Sie aber lediglich die gewünschte aber langweilige Standarderklärung hören wollen, dann würde ich mit dem Barometer den Luftdruck auf dem Dach und am Grund messen und der in Millibar gemessene Unterschied führt mich mit der barometrischen Höhenformel zur Höhe des Gebäudes.

Da Sie uns aber immer anleiten frei zu denken, denke ich, dass es die einfachste Lösung wäre, an der Tür des Hausmeisters zu klopfen und ihm zu sagen: ‚Ich schenke Ihnen dieses schöne Barometer, wenn Sie mir sagen, wie hoch der Wolkenkratzer ist.“

Dieser Student soll der dänische Physiker Niels Bohr (* 7. Oktober 1885 in Kopenhagen; † 18. November 1962 in Kopenhagen) gewesen sein. Der Begründer des neuzeitlichen Bohrschen Atommodells (Nobelpreis 1922), auf das sich die Quantenphysik stützt. Auch wenn es keine Belege dafür gibt und diese Geschichte nur eine Legende ist, erreichte unser Physikprofessor mit ihr die gewünschte Wirkung. Mit ihr motivierte er uns dazu, die gelehrten Wege zu verlassen und weiter nach einer Lösung für unser „unlösbares Problem“ zu suchen, statt nach dem ersten Scheitern aufzugeben.

„Für jedes Problem gibt es immer mehrere Lösungen.“ Gehen Sie mit diesem Mutmacher weiter voran und probieren Sie andere Methoden, bis Sie Erfolg haben. Ich wünsche allen eine Woche mit dem Mut, auch mal andere „Wege nach Rom“ zu gehen, auch außerhalb der Physik.

Herzliche Grüße, Ihr Thorsten AbraXas Ophaus
Kairos-Leittext 26. Januar 2011

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