Im Zweifel für den Mayakalender?

Im Zweifel für den Mayakalender? ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass jeder zu vielem in Beziehung steht? Wer aufmerksam ist, dem wird plötzlich ein einzelnes „Kairos-Korn“ bewusst, das er im Moment aus den vielen Möglichkeiten des ganzen „Futters“ herauspickt. Manchmal aber ist es vielleicht auch wichtig, sich zu vergegenwärtigen: Kairos ist etwas sehr Umfassendes. Er hat mehr Dimensionen, als wir im Alltag im Blick haben.

Wir schwimmen alle (bewusst oder unbewusst) in einer größeren Geschichte mit. Nicht nur jeder einzelne von uns will sich entfalten, sondern auch das größere Ganze unserer Kultur. Ideen wie „Nation“, „Europa“, „Internet“ oder „globales Dorf“ wollen gelebt und vollendet werden. In diesen Formen haben wir, so glaube ich, einen Zugang zu einem historischen „Feld“, unserem historischen Kairos, der im Schutz des kollektiven Unbewussten seine Dynamik entfaltet. Zeitlos, vernünftig, wissenschaftlich fundiert kommt er daher – so selbstverständlich autoritativ wie das 1×1 in der Grundschule.

Ist vielleicht nicht das „Schaudern“, wie noch Goethe meinte, sondern das historische Nichtwissen „der Menschheit bestes Teil“? Liegt darin die Erfüllung? Warum haben wir die Fähigkeit, etwas erkennen zu können, aber es nicht zu wollen? Was zeigt uns das an? Nehmen wir unsere alten und neuen kollektiven Visionen. Ihre Kraft zeigt sich darin, dass wir uns hüten, sie als unseren Glauben im Hier und Jetzt zu begreifen. Früher bestanden solche Visionen ja – bildlich gesprochen – aus ganzen Kontinenten. Kaiser Otto III. hatte präzise für alle das Ende der Welt mit der Einführung des Jahres 1000 festgelegt, weil damit nach damaliger Computisten!-Zählung es noch exakt 1000 Jahre waren bis zum Jüngsten Gericht. Damit war auch den Baumeistern klar, wie lange ein romanischer Dom wie Speyer zu halten hatte. Der Abt Joachim von Fiore (Jahrgang 1130) berechnete den Beginn des letzten Zeitalters für das Jahr 1260. Luther sah mit den Osmanen vor Wien 1529 die Endzeit anbrechen.

Für Hegel war mit dem neuen preußischen Staat die Vollendung des Aufklärungszeitalters erreicht. In der Folgezeit hat fast jede Generation ein endgültiges Zeitalter produziert, für das sich arbeiten und (leider auch) ohne Gewissensbisse morden ließ. Gehört es heute nicht zu den geistigen Selbstverständlichkeiten, an das Endstadium einer „globalen Welt“ zu glauben? Und persönlich halten sich nicht wenige an wechselnde „Bojen“ in einem stürmischer werdenden historischen Meer. Mal heißen sie Nostradamus, mal Majakalender. Erst wird das Jahr 2000, dann das Jahr 2012 als „Wende“ anvisiert.

All diese Visionen bedürfen unserer vollen Kraft, damit sie sich verwirklichen. Und daher ist es immer fatal, wenn sich irgendwo die Frage stellt: Wozu eigentlich? Oder: Muss das so sein? Dann fangen Mondraketen zu rosten an, brennen Brennstäbe nicht mehr, werden Bahnhöfe nicht fertig, muss ein Transrapid verscherbelt werden. Solange wir glauben, dass Europa und die Globalisierung unser Schicksal sind, solange sind sie unser Schicksal. So einfach ist das? Sie merken bestimmt, ich mache hier auf etwas aufmerksam. Wer einmal erkennt, dass auch alles „Objektive“ irgendwie seinen historischen Zusammenhang, seinen historischen Kairos hat, der
ist schon dabei, eine individuelle historische Vernunft zu entwickeln. Eine persönliche Vernunft quasi, die den heutigen rationalen Absolutismus hinter sich lässt. Und wer einmal erkannt hat, dass sein eigentlicher Maßstab nicht der Terminkalender, sondern sein Kairos ist, der kann
den unbewussten Zeitstress verlassen. Vielleicht steckt im „persönlichen Kairos“ mehr Potenzial, als wir für möglich halten. Oder sollten wir doch im nächsten Jahr einen Mayakalender besorgen? Vorsichtshalber?

Ihnen allen eine „vernünftige“ Kairos-Woche
Ihr Karl Hofmann

Kairos-Leittext 15. Dezember 2010

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