Vom Leben und Aufleben

Vom Leben und Aufleben möchte ich heute sprechen. Und hörten Sie mich wirklich sprechen, statt von mir zu lesen, wüssten Sie sofort, dass ich aus dem Norden komme. Ein bisschen nuschelig wie Ohnsorg-Theater, ein bisschen breit wie ‚Großstadtrevier‘ ist meine Aussprache, und natürlich heißt ein bißchen auch nur „ n büschen“. Wenn ich muss, kann ich auch sehr gepflegt hoch- deutsch sprechen, aber im Eifer des Alltags ist es doch meist norddeutsch. Ich bin seinerzeit wegen der beruflichen Versetzung meines Mannes von Hamburg nach Frankfurt gezogen. Das war einerseits als neue Erfahrung sehr reizvoll, aber da ich ja so eine treue Seele für Freunde und Familie bin auch schmerzhaft. Darüber hinaus liiieeebe ich meine schöne Heimatstadt.

Aber ok: nun war Hessen mein neues Lebensumfeld, das ich mit viel Neugier und Freude für mich entdeckte und erschloss. Da es mir leicht fällt, Kontakte zu knüpfen, hatten wir auch in Hessen bald einen netten Bekanntenkreis. Ich lernte mit meinem Heimweh, das sich in eine latente Sehnsucht nach dem Norden wandelte, zu leben. Doch hatte ich immer unterschwellig das Gefühl, irgendetwas in mir ist nicht so ganz rund. Viele, viele Jahre später, als ich wieder im Norden war, bemerkte ich plötzlich, wie viel leichter irgendwie alles war. In Frankfurt hab ich immer so etwas wie eine Last auf meinen Schultern, doch nun hatte ich das Gefühl, meine Seele bekäme wieder Luft und könnte frei sein. Stellen Sie sich eine Lehmkruste um mich herum vor, die mehr und mehr aufbricht, je näher ich dem Norden komme. Und wenn ich im Norden bin, ist alles von mir abgefallen und ich fühle mich frei.

Ich beobachtete diese Empfindung einige Besuche lang und stellte für mich fest: in Frankfurt lebe ich, da stehen meine Möbel und da wohne ich. Im Norden aber kann ich aufleben. Da komme ich ‚heim‘, auch wenn die Menschen, die meine Heimat ausmachten, nicht mehr leben. Und je älter ich werde, umso stärker wird dieses Erleben. Vielleicht hat das mit der Sentimentalität zunehmenden Alters zu tun, dass ich zurück zu meinen Wurzeln ‚back to the roots‘ möchte. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Menschen im Norden eher so ticken wie ich statt mich wegen irgendetwas verwundert anzuschauen, wie es mir in Frankfurt immer noch passiert. Jedenfalls fühlt es sich im Norden viel leichter, heller, Seelen glättender und beflügelnder an als in Hessen. Es geht mir dort entschieden besser.

Doch muss es nicht immer der Geburtsort sein. Ich kenne Menschen, die wollen nichts mehr als weg vom Heimatort. Die fühlen sich überall besser als daheim. Eine Bekannte von mir zieht es immerzu nach USA. Wenn sie aus dem Flugzeug steigt, möchte sie am liebsten die Erde küssen und nie wieder weg. Eine andere hat ihre Glückseligkeit in Portugal gefunden und ist von Dänemark in den Süden gezogen. Alles ist möglich.

Wichtig ist nur, den einen guten Platz für sich zu finden, an dem die Seele gut aufgehoben ist und aufleben kann.  Dafür gibt es ja die verschiedensten Gründe. Mal sind es die Menschen, die ‚Heimat‘ ausmachen, mal die Mentalität, mal ist es die Natur, die Berge oder das Meer, die die Seele jubeln lassen, mal ist es das Dolce Vita im Süden oder die Einsamkeit im ganz hohen Norden. Und das Schöne ist: unsere Welt ist so groß, so vielseitig und so bunt, dass wir alle die freie Wahl haben für unseren ureigenen Wohlfühlplatz. Meiner ist, wie gesagt, im Norden? Und Ihrer? Haben Sie Ihren Platz bereits gefunden, an dem Sie so richtig aufleben?

Mit herzlichen Grüßen
Christina Broda

9. Oktober 2013
Kairos-Leittext

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