Die kleine rote Henne

Die kleine rote Henne mal andersrum erzählt: Bestimmt kennen viele von Ihnen die oft zitierte Geschichte der „Kleinen roten Henne“? Das Märchen, immer wieder gerne zitiert, erzähle ich Ihnen heute mal anders herum. Und schon wird eine „Mutmacher-Geschichte“ daraus. Lesen Sie selbst:

Es war einmal eine kleine rote Henne, die auf dem Bauernhof scharrte, bis sie einige Weizenkörner fand. Sie rief Ihre Nachbarn und sagte: “Wenn wir diesen Weizen pflanzen, werden wir Brot zu essen haben. Wer will mir helfen, ihn anzubauen?”

“Ja gern”, sagte die Kuh.
“Ja gern”, sagte die Ente.
“Ja gern”, sagte das Schwein.
“Ja gern”, sagte die Gans.
Dann werde ich es mit Euch tun, sagte die kleine rote Henne.
Und sie tat es. Der Weizen wuchs hoch, reifte und trug goldene Körner.

“Wer will mir helfen, den Weizen zu ernten?” fragte die kleine rote Henne.
“Ich.”, sagte die Ente.
“Ich”, sagte das Schwein, “obwohl ich nicht zuständig bin.”
“Ich”, sagte die Kuh, “obwohl ich meinen Status verlieren kann.”
“Ich”, sagte die Gans, “auch wenn ich meine Arbeitslosenunterstützung verliere.”
“Dann werde ich es mit Euch tun”, sagte die kleine rote Henne, und sie tat es.

Schließlich kam die Zeit, da das Brot gebacken werden sollte.
“Wer hilft mir beim Brotbacken?” fragte die kleine rote Henne.
“Ich”, sagte die Kuh, “auch wenn ich Überstunden machen muss.”
“Ich”, sagte die Ente, “obwohl ich meine Sozialhilfe verlieren kann.”
“Ich auch”, sagte das Schwein, „ obwohl ich zwei linke Hände und
nie gelernt habe, wie man das macht.“ “Ich auch”, murrte die Gans,
„aber nur weil Ihr alle helft. Denn wenn ich die einzige wäre, die nicht
hilft, dann ist das diskriminierend.“ “Dann mache ich es mit Euch”,
sagte die kleine rote Henne. Sie buk fünf Laibe Brot und hielt sie hoch,
um sie den anderen zu zeigen.

Alle wollten etwas davon abhaben; sie forderten lauthals ihren Teil.
Und die kleine rote Henne sagte: “Ja, ich esse die fünf Brote gerne mit Euch.“
“Toller Profit”, brüllte daraufhin die Kuh.
“Grandiose Fairness”, schrie die Ente.
“Gleiches Recht für alle”, bestätigte die Gans. Das Schwein grunzte nur.
Und sie malten „Fair” auf  Transparente, liefen um die kleine rote Henne
herum und riefen Ermunterndes.

Als der Regierungsvertreter kam, sagte er zu der kleinen roten Henne: “Hör mal, das hast Du klasse gemacht.“ “Ja, ich habe mir das Brot selbst verdient”, erwiderte die kleine rote Henne. “Genau”, sagte der Regierungsvertreter. “Das ist das wunderbare System des freien Unternehmertums. Jeder auf dem Bauernhof kann soviel verdienen, wie er will. Aber unter
unseren modernen Regierungsbestimmungen verteilen wir die Produkte fair und gerecht.” Und sie lebten glücklich und zufrieden, auch die kleine rote Henne. Und auf dem Hof war große Freude, dass sie immer wieder gemeinsam Brot buken.”

Eine wunderbare Woche wünscht
Gabriela Linne

Kairos-Leittext 24. November 2010

 

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