Mit harten oder weichen Augen schauen.

Mit harten oder weichen Augen schauen ist eine Formulierung, die ich bei M. Scott Peck fand. Und die mir noch einmal auf eine bildhafte Weise deutlich gemacht hat, wie ein Leben ohne Leid bewirkt werden könnte. Eine Geschichte dazu: „Der wütende Nachbar: Sie sitzen in Ihrem Büro, haben bis in den späten Abend hinein gearbeitet, räumen noch auf, rücken die Konferenzstühle zurecht. Plötzlich reißt Ihr Nachbar ohne anzuklopfen Ihre Bürotür auf und brüllt Sie mit schneeweißem Gesicht an. Sie sollen sofort mit dem Lärm aufhören. Ihr Verhalten reiche ihm jetzt. Sie fragen nach, was denn los sei. Aber er kann keine Antwort formulieren und geht. Er ist wütend.“ Nun sitzen Sie da und haben zwei Möglichkeiten. Sie schauen mit harten oder weichen Augen auf die Situation:

Mit harten Augen geguckt sehen Sie nur diesen letzten Moment, sehen nur den Ausdruck der Wut. Und Sie spüren, dass Ihr Adrenalinspiegel steigt und Sie am liebsten sofort auf Angriff umschalten möchten. Ihm hinterher laufen? Zu einer Antwort zwingen? Auf frühere Situationen zurückgreifen, in denen Sie sich gestört fühlten? Ihr Gleichgewicht wieder herstellen, indem Sie Gleiches mit Gleichem vergelten? Mit welchem Ergebnis? Kann darüber die Gemeinschaft wieder hergestellt werden.

Mit weichen Augen geguckt sehen Sie den ganzen Menschen an und einen größeren Zeitraum. Ihr Adrenalinspiegel sinkt langsam wieder und sie können Ihre Verteidigungsmechanismen aufgeben. Andere Fragen tauchen auf: Was wurde mir gerade gezeigt? Welche Wunde habe ich berührt im Laufe des Tages oder in den Tagen vorher? Welchen Schmerz habe ich soeben gesehen? Was habe ich damit zu tun? Was ist jetzt zu tun? Mit dem Ergebnis: die Situation kann in Ruhe geklärt und die Gemeinschaft wieder hergestellt werden.

Ich entscheide mich für den Weg der weichen Augen und merke, dass erst einmal Frieden bei mir selbst einkehrt und ich beruhigt zu Bett gehen kann. Alles Weitere werde ich in den nächsten Tagen entscheiden und tun. Dazu noch ein Zitat aus „Gemeinschaftsbildung“ von M. Scott Peck: „Gemeinschaft verlangt von uns die Fähigkeit, unseren Mitmenschen unsere Wunden und Schwächen zu zeigen. Sie verlangt auch, dass wir uns von den Wunden anderer berühren, ja verletzen lassen. Das ist mit weichen Augen gemeint. In unseren Wunden ist Schmerz. Doch noch wichtiger ist die Liebe, die zwischen uns erfahrbar wird, wenn wir Verletzlichkeit zeigen und in anderen sehen.“

Eine Woche der weichen Augen
Ihre Gabriela Linne

4. September 2013
Kairos-Leittext

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