Immer schon so gemacht

Das haben wir doch immer schon so gemacht. Und dann? Ist er Ihnen auch schon mal begegnet, der „Immer-schon-so-gemacht-Blödsinn“? Zum Beispiel in Momenten, in denen aus Gewohnheit immer wieder dasselbe gemacht wird. Nach dem Motto: „Das haben wir immer schon so gemacht. Das haben wir noch nie so gemacht.“ Und das, obwohl es sich irgendwie unsinnig anfühlt. Dann kommt manchmal ein anderer daher, wirft einen Blick darauf und sagt: „Was ist das für ein Blödsinn. Mach es doch lieber so.“ Freuen Sie sich darüber? Und wenn nein – warum? Dass es für Unternehmerinnen und Unternehmer durchaus sinnvoll sein kann, die eigenen Gewohnheiten hin und wieder selbst zu beleuchten oder eben von außen beleuchten zu lassen, zeigt folgende Geschichte:

Ein Unternehmen der Fotobranche organisierte wöchentliche Promotions. Deutschlandweit 400. Immer am Wochenende. Mit 400+ freiberuflichen Promotoren. Woche für Woche neu geplant. Immer in anderen Städten. Jede Woche telefonierten fünf Mitarbeiter des Unternehmens die Promotoren an, manchmal mehrmals hintereinander, bis die Termine alle vergeben waren. Die Aufgabe war unbeliebt. Anderes blieb dafür liegen, denn das Füllen der Pläne ging vor.
Ein Unternehmerkollege kam in einem Gespräch auf eine Idee und sagte: „Dreh das System doch einfach um.“ „Wie bitte?“ Die Lösung war simpel: Jeden Montag um 09.00 Uhr wurde der Promotion-Plan ins interne Netz gestellt mit allen wesentlichen Informationen: Bundesland, Stadt, Uhrzeit, genauer Standort. Alle Promotoren waren selbstverständlich darüber informiert worden. Sie loggten sich ein, suchten sich einen Auftrag aus, der in ihren Terminkalender passte, möglichst nahe an ihrem Wohnort lag und belegten den Plan. Verbindlich. Bis zur Wochen-Mitte waren 90% der Termine gebucht – von allein sozusagen. Der Rest wurde mit dem bekannten System gefüllt: mit Telefonaten. Wie einfach. Natürlich erst, nachdem die Voraussetzungen geschaffen, alle informiert und nach Weigern, Zweifeln und Murren damit vertraut waren.

Übrigens: Der Unternehmerkollege mit der Lösungsidee ist inzwischen dafür bekannt, dass er mit einer Art Scanner-Blick den „Immer-schon-so-gemacht-Blödsinn“ in Unternehmen blitzschnell erkennt. Und wird seither damit beauftragt. So kann eine außergewöhnliche Positionierung entstehen. Danke sehr Michael Krissel für die wunderbare Geschichte. Fairerweise möchte ich an dieser Stelle betonen: Automatisierte Verhaltensmuster sind für unser Leben außerordentlich wichtig. Denn wir fällen die meisten unserer Entscheidungen in Sekunden-Bruchteilen. Eben automatisch. Das ist auch gut so, denn so können wir überleben.

Leider fällen wir aber genauso gewohnheitsgemäße Entscheidungen, obwohl wir ein Ergebnis verändern möchten. Denn: Das Gehirn wird immer, i m m e r , erst einmal schauen, ob das Neue ohne große Anstrengung in das schon bestehende Neuronen-System integriert werden kann. Sagt das Gehirn Nein, entsteht ein sog. kognitiver Konflikt. Die neuen Informationen werden abgelehnt, die inkompatiblen Fakten entweder einfach umgedeutet, relativiert oder ignoriert. „Haben wir noch nie so gemacht.“ Entscheiden wir uns trotz des Konfliktes, das bisher Geglaubte in Frage
zu stellen, sträuben sich unsere Neuronen völlig. Wissenschaftler schreiben: “Das treibt die Neuronen fast zum ‘Wahnsinn’, weil erhebliche Umbauarbeiten im Gehirn erforderlich werden.” Es entsteht also eine Baustelle im Gehirn. Die niemand leiden kann. Die gerne auf später verschoben wird. So bleibt so mancher „Immer-schon-so-gemacht-Blödsinn“ liebevoll erhalten. Bis wir zum Umbau bereit sind.Und nun? Schaue ich erst mal, was ich mir so entdecke. Sie auch?
(Bei sich meine ich. Oder wollten Sie bei mir gucken?)

Herzliche Grüße
Ihre Gabriela Linne

Kairos-Leittext Frankfurt, 12. Mai 2010

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