Kairos-Weihnachtsgedanken im Kerzenschein

Ich lade Sie ein, sich für Kairos-Weihnachtsgedanken im Kerzenschein dem üblichen Trubel so kurz vor Weihnachten für eine Stunde zu entziehen, sich eine Kerze oder gar die drei Kerzen eines Adventskranzes anzuzünden, und dem Sinn des Ganzen nachzuspüren – im Blick auf das, was wir Kairos nennen,.

Ist Kairos doch der schöpferische Ursprung all dessen, was wir an heilenden, erinnernden, kraftvollen Zeichen und Ritualen haben. Das gilt in besonderer Weise für die Symbole und Rituale rund um Weihnachten. Betrachten Sie zum Beispiel einmal einen Adventskranz:

Vier Kerzen und vier Sonntage bereiten vor auf den Baum voll Licht. Warum vier? Die 4 steht für eine wesentliche Verwandlung. Es geht um eine Verwandlung, die alle betrifft, und eine, die jeden einzelnen angeht. Diese bereitet den Weg für ein Geheimnis, das erst enthüllt werden kann, wenn „die Zeit erfüllt ist“. Es ist das Ereignis einer Geburt, in dem „oben“ und „unten“ eins werden.

Zuerst geht es um große Geschichte. Wir werden erinnert an die Dynamik der neuen Einswerdung der Menschheit mit der schöpferischen Wirklichkeit, die sie „göttlich“ begründet. Bildhaft und
geschichtlich schildert die Bibel, wie in vier „Bünden“ immer konkreter hingeführt wird zu dem, was später „Neuer Bund“ genannt wird.

Die erste Kerze steht für den universalen Bund im mythischen Urvertrauen (Noah – „Arche“). Die zweite Kerze für den persönlichen Bund mit den „Vätern“ in den Gestalten von Abraham, Isaak, Jakob. Die dritte Kerze für den Bund des „Gesetzes“ mit Mose, der Einheit in der von Gott gegebenen Ordnung (Zehn Gebote). Und die vierte Kerze steht für den Bund mit einem geschichtlichen König (David) – aus dessen konkretem „Stamm“ die endgültige Beziehung zwischen Gott und Menschheit gestiftet werden soll. Der Weg geht also von einer geistigen allumfassenden Beziehung über eine personale, dann eine rational geordnete bis hin
zu einer leibhaftig-geschichtlichen Beziehung zwischen oben und unten.

Genauso notwendig ist eine persönliche Verwandlung. Wir alle haben den Auftrag, er-wachsen zu werden. Aus einem WIR soll ein verantwortungsvolles ICH werden – ein er-wachsenes Ich. Und dieses ICH soll mitgestalten, in Resonanz gehen mit allen und allem, was gleichzeitig auf dem Weg ist. In diesem Sinne sind wir alle Eltern-Teile und es ist zweitrangig, ob unsere „Kinder“ als leibliche,
als geistige oder als gesellschaftliche Aufgabe da sind.

Die vier Kerzen stehen für vier Stufen der persönlichen Verwandlung. Immer ist ein vierfacher Weg zu gehen, ehe ein „Kind“ kairosgemäß empfangen und geboren werden kann. Wir sollen lernen zu lieben (Vorschulzeit – Lebensphase 1), zu glauben (Grundschulzeit – Lebensphase 2), zu hoffen (Pubertätszeit – Lebensphase 3) und die Welt anzunehmen, wie sie ist (junges Erwachsenensein – Lebensphase 4). Denn jedes Kind begegnet uns ursprünglich als „Christkind“ – ein Mensch, total offen für seinen Kairos, total offen für Beziehung.

Und daher erwartet es von uns,
- geliebt zu werden, wie es ist (Lebensphase 1),
- anerkannt zu werden in dem, was es annimmt (Lebensphase 2),
- angenommen zu werden in seiner Andersartigkeit (Lebensphase 3),
- respektiert zu werden an seinem konkreten Platz, den es in der Welt einnimmt (Lebensphase 4).

Die Kerzen des Adventskranzes können uns also an die Stufen unserer Kairos-Berufung erinnern. Jeder und jede von uns ist berufen, seinen persönlichen und historischen Kairos in Fülle zu leben. So kann Weihnachten zur Feier des Kairos werden, zur Rückkehr zu unserer ursprünglichen Berufung, zur Rückbesinnung auf unser Herz und sein ungeheures Potenzial der Resonanz mit dem Ganzen.

Ihnen allen in diesem Sinne ein Frohes Fest.
Ihr Dr. Karl Hofmann

19. Dezember 2012
Kairos-Leittext

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