Philosophie: Nichts als fromme Sprüche!?

Ist Philosophie wirklich nur eine Sammlung frommer Sprüche? Sprüche wie: „Jeder beschleunigt sein Leben und leidet an der Sehnsucht nach der Zukunft, während die Gegenwart ihm verleidet ist. Wer aber jeden Augenblick recht für sich benutzt, wer jeden Tag so einrichtet, als ob er das ganze Leben wäre, der wünscht den folgenden Tag nicht und fürchtet ihn nicht.“ (Seneca, Vom
glückseligen Leben und andere Schriften, rororo, 115)

So der schöne fromme Spruch eines römischen Philosophen aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert. Um den Inhalt soll es heute nicht gehen. Vielmehr denke ich jetzt an die vielen Menschen, die solche Sprüche, Lebensweisheiten, Ratschläge längst unerträglich finden

Erwarten Sie heute einen mühsamen Tag? Kämpfen Sie um Ihr tägliches Geschäft? Gehören Sie gar zu denen, die nur mehr oder wenig freiwillig selbstständig sind und eigentlich träumen von einem sicheren Rückhalt? Machen Sie sich Sorgen?

Wer solche Fragen bejaht, ist meist sehr versucht, allergisch auf „fromme Sprüche“ zu reagieren.
Doch ich glaube, gerade an diesem Punkt lohnt es sich, einmal innezuhalten. Kommt unser Schmerz, der Ärger oder eine allgemeine Unausgeglichenheit vielleicht daher, dass zwischen dem, was wir uns vorstellen, und unserer wahren Wirklichkeit, eine große Diskrepanz besteht? Werten wir eventuell manchmal etwas als „frommen Spruch“ ab, weil wir von unserer tieferen Realität  wegschauen?

Andernfalls würde uns wohl bald klar werden: Ein Seneca – genauso wie manche andere Männer und Frauen – hat uns etwas zu sagen. Seine Sprüche blieben erhalten, weil er selbst durch seinen Schmerz hindurchgegangen ist. Weil er auf seinen Kairos geachtet hat. Weil er wirklich einen inneren Gleichmut entwickelt hat.

Es lohnt sich, so glaube ich, sogar regelmäßig innezuhalten und mit einem solchen Spruch in Resonanz zu gehen – bis es uns gelingt, ihn mit unserem Leben in Beziehung zu setzen. Dann können wir eine neue Erkenntnis gewinnen und etwas von der ermutigenden Kraft dieses „Spruchs“ erspüren: „…Wer aber jeden Augenblick recht für sich benutzt, wer jeden Tag so einrichtet, als ob er das ganze Leben wäre, der wünscht den folgenden Tag nicht und fürchtet ihn nicht.“

Eine aufmerksame Woche mit Momenten zum Innehalten wünscht Ihnen
Karl Hofmann

14. November 2012
Kairos-Leittext

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