Kairos-Frage: Sind Sie gut verpackt?

Diese Wohlfühl-Frage, aus meiner heutigen Sicht eine Kairos-Frage, stellte mir meine Mutter immer und sagte dazu: „Kind zieh dich warm an, denn es ist draußen kalt.“ Und wer friert, fühlt sich unwohl. Also habe ich mich immer schön warm angezogen.

In der Schule stellte ich denn bald fest, dass so manche meiner „Verpackungen, sprich Kleidungsstücke, bei meinen Klassenkameraden Belustigung hervorriefen. Das war blöd. Daraufhin fing ich an, mich an anderen zu orientieren, was die denn so als Kleidungsstücke anzogen. Da waren zum Beispiel Sweatshirts „in“. Nun hatte ich ein Problem. Denn diese Kleidungsstücke sahen an mir einfach doof aus. Ich trug sie aber trotzdem, denn wer „in“ sein wollte, trug Sweatshirts. Und so entstand meine erste „richtige“ Verpackung. Zuhause nämlich trug ich keine Sweatshirts.

Später im Beruf erging es mir genauso. Auch hier wurden wieder Erwartungen durch Kollegen und Vorgesetzte an mich heran getragen, die mit meiner inneren Überzeugung wenig zu tun hatten. Ich entsprach diesen auf wundersame Weise trotzdem. Und plötzlich … plötzlich hatte ich so viele „Verpackungen“ auf meinem ICH, dass ich oftmals ganz verwundert aus den vielen Umhüllungen heraus schaute und keine Ahnung hatte, wer ICH denn eigentlich unverpackt war … Schließlich wollte ich keinem weh tun und es jedem recht machen. Dachte ich doch, das wäre das einfachste …

Wenn Sie jetzt an sich herunter und auf ihre Hülle schauen, was geht Ihnen dann zu Ihrer Verpackung durch den Kopf? Fragen wir mal Wikipedia. „Eine Verpackung ist die gezielt angebrachte, wieder möglichst ohne größeren Aufwand lösbare Umhüllung eines Produktes. “Alles klar. Eine Verpackung ist „gezielt“ angebracht, aber sie sollte auch „möglichst ohne größeren Aufwand lösbar“ sein. Denke ich an die warme Kleidung meiner Mutter, ist das einfach. Eben einfach ausziehen.

Mit dem „in“ sein ist das schon schwieriger. Hier heißt die gezielte Verpackung „Anpassung durch Äußerlichkeiten zwecks Zugehörigkeitsempfinden zu Gruppen“. Aber wie lange hält der Zustand an? Hier ist die Verpackung oder Umhüllung schon schwerer wieder zu lösen. Und im Beruf? Da gibt es ebenfalls Verpackungsstrategien. Getreu dem Motto: „Was will mein Gegenüber von mir hören …“ Und schon sitzen wir in den Verpackungen so richtig fest. Außen und innen.

Tja und wie werden wir diese Hüllen wieder los? Na ja, wir wissen eine Verpackung ist „gezielt“ angebracht worden. Setzte ich mich also mit diesem „gezielt“ auseinander, komme ich vielleicht zur Erkenntnis. Nur das ist anstrengend. Aber, nach all der Arbeit und Mühe sind wir irgendwann wieder da, wo wir angefangen haben. Nämlich bei uns selbst. Und das fühlt sich richtig gut an …

Eine erkenntnisreiche und verpackungslösende Woche
Ihre Anke Bohl

9. Mai 2012
Kairos-Leittext

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