Wenn Lügenbohrer festsitzen:

KAIROS-Gedanke 1Jun16Wenn “Lügenbohrer” festsitzen:
Unser Leben ist garniert mit Lügen. Wem und wozu auch immer sie dienen sollen. Schon Kinder bedienen sich ihrer, wenn sie etwas „vermeiden“ möchten. Psychologen nennen es Anpassungsstrategie, die den Menschen effektiver mit seiner Umwelt interagieren lasse. Was auch immer mit effektiver gemeint ist. Von innen nach außen betrachtet, folgen Lügen demnach einem Sinn. Nennen wir es einfach mal „Sinn nach Verschönerung des Lebens“. Doch welchen Sinn mögen dann wohl Lügen haben, die gegen sich selbst gerichtet sind?

Zwei Zitate von Dostojewski sollen uns bei der Betrachtung weiterhelfen: Erstens: „Die Selbstlüge beherrscht der Mensch noch sicherer als die Lüge.“ Und zweitens: Die Hauptsache ist, belügen Sie sich nicht selbst. Wer sich selbst belügt und auf seine eigene Lüge hört, kommt schließlich dahin, dass er keine einzige Wahrheit mehr, weder in sich noch um sich, unterscheidet. Das aber führt zur Nichtachtung sowohl seiner selbst als der anderen. Wer aber niemand achtet, der hört auch auf, sich selbst zu lieben; um sich aber ohne Liebe zu beschäftigen und zu zerstreuen, ergibt er sich den Leidenschaften.“
Was für ein Lauf! Mit einer vielleicht kleinen Lüge „vor sich selbst“ hat alles begonnen. Irgendwann zieht diese kleine, dumme Lüge wie ein in Gang gesetzter Bohrer weitere kleine Unwahrheiten nach sich. Und schraubt sich peu à peu von Flunkerei zu Flunkerei immer tiefer hinein ins eigene Lebenshaus. Bis er plötzlich festsitzt. Und es (fast) keinen Weg mehr gibt, ihn aus dem „Lügendreh“ wieder herauszuholen. „Da kann einer ja nur das Haus verlassen! Woanders hinziehen zum Beispiel und so tun, als wäre sein Lügenbohrer nie dagewesen!“ ruft die Not. Ob’s klappt, bleibt ungewiss.

Besser wäre, falls der Mut dazu reicht, den Dostojewski-Weg rückwärts zu gehen: Sich als erstes von lieblosen Leidenschaften und Zerstreuungen verabschieden. Sich selbst wieder achten lernen, Ausschau halten nach Menschen, die echt sind und beobachten, wie sie mit „Flunker-Energien“ umgehen. Uns selbst Fragen stellen wie: Was hat mich dazu gebracht, so zu tun, als würde ich wollen, was ich überhaupt nicht will? Wem und wozu hat die Lüge gedient.

„Aber“, heißt eine Gegenrede; „manche Schlaubohrer bleiben niemals stecken. Auch wenn sie noch so viel durch die Gegend lügen!“ Tja, so ist das wohl. Genauer hingesehen, sind diese Alles-Erreicher-Flunkerer tief drin oftmals sehr unglücklich. Und das ist Feststecken hoch zwei.

Wollen Sie das?

Eine angenehme Woche wünscht
Ihre Gabriela Linne

Kairos-Brief 1. Juni 2016

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