“Ich kann nicht!”

Sapere aude!Ich kann nicht? Was heißt das eigentlich? Heißt das: Ich will nicht? Oder: Ich fühle mich außerstande? Oder: Ich kann jetzt nicht? Oder: Ich kann generell nicht? Oder: Ich weigere mich? Oder: Mir fehlt die Kraft dazu? Mein heutiger Kairos-Brief an Sie ist ein Plädoyer für Genauigkeit. Warum? Weil es uns mit dem ehrlichen Blick auf unsere standardisierten Antworten den Weg öffnet, unsere eigene innere Energie besser kennenzulernen.

Ein Beispiel: In meinem „früheren Leben“ als Leiterin einer Werbeagentur hörte ich diesen Satz von einer Mitarbeiterin (35), die von einem Kunden wegen eines „wichtigen Projektes“ zu einem späten Gesprächstermin gebeten wurde. Spät hieß: um 19.00 Uhr an einem von ihm bestimmten Tag. Der Kunde war sehr erbost über die vermeintlich lapidare Antwort. Auch mir fiel es schwer, den Argumenten der Mitarbeiterin zu folgen. „Ich muss um 18.00 Uhr zu Hause sein. Mein Sohn braucht mich. Er möchte zu seiner Geigenstunde gefahren werden. Das ist sehr wichtig für mich.“ Da sie immer sehr gut gearbeitet hatte und die Kunden sie sehr schätzten, ließ ich es so stehen und übernahm den Termin. Ich selbst war 45 und die Projekte meiner Kunden lagen mir natürlich am Herzen. Wirklich verstehen konnte ich ihre Antwort damals nicht.
Erst heute weiß ich: Im Alter von 35 war die Mitarbeiterin in einer „inneren Dynamik“, in der die Familie wesentlich mehr Bedeutung hatte, als ein später Kundentermin. In dieser Phase (von 32 bis 38/39) stehen die Beziehungen in der Familie weit über den beruflichen Aspekten. Ein Versuch, die Mitarbeiterin zu dem Termin zu zwingen, hätte durchaus zu einer Entscheidung gegen den Job führen können. Intuitiv war mir das offensichtlich klar.

Was bedeutet das nun für Unternehmer, die Mitarbeiter haben? Die Antwort lautet: Sie können jeden einzelnen besser einsetzen, wenn sie die Lebensphasenenergie der Mitarbeiter kennen. Sie können sie nämlich so einsetzen, dass Aufgabe im Unternehmen und innere Dynamik der Mitarbeiter bestmöglich zusammen passen. Damit sind alle Beteiligten per sé zufriedener und die Antwort würde dann in unserem Beispielfall lauten:

„Ich kann nicht, weil mein Sohn mich heute Abend braucht. Sie wissen ja, wie wichtig mir meine Familie derzeit ist. An anderen Abenden stehe ich Ihnen natürlich gerne zur Verfügung.“ Was für ein Unterschied!

Eine gute Zeit für Sie mit Menschen, die begründet wissen, wann sie was können und wann nicht. Ihre Gabriela Linne

Kairos-Brief 18. November 2015

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