Wie kann man denn nur?

Christina Broda

Christina Broda

Wie kann man denn nur? Manchmal ertappe ich mich schon noch dabei, dass ich so denke. Und dazu noch, das sei mein gutes Recht. Schließlich bin ich gut erzogen und weiß daher ganz genau, was sich gehört, wie man was zu machen hat. Mit fortschreitender Arbeit an mir selbst weiß ich, dass es anmaßend ist und mir selbst nicht gut tut, andere zu verurteilen und mich damit (spirituell) arrogant über sie zu erheben. Allerdings war das ein langer Lernprozess, der einiges Üben im bewertungsfreien Betrachten erforderte. Und wie oben erwähnt, selbst heute klappt es noch nicht immer.

Wie schnell wissen wir in Bezug auf andere, was sie ‚richtig‘ und was sie ‚falsch‘ machen, was sie ‚wie‘ hätten ‚besser‘ machen können, was wir ‚nie‘ so gemacht hätten, wie sie. Doch während wir so leichtfertig urteilen, wissen wir meistens nicht, aus welchen Beweggründen heraus die anderen Personen so handeln. Wir setzen voraus, alle dächten so wie wir, alle tickten so wie wir – weit gefehlt!
Menschen haben unterschiedliche Wünsche, Werte, Vorstellungen, Lebenspläne, Ziele, Ansichten, Interessen. Die sind uns auf den ersten Blick aber noch verborgen, wenn wir sie denn überhaupt je erfahren. Und solange wir diese anderen Bilder in den Köpfen der anderen nicht kennen, setzen wir unseren Maßstab an und gleichen ab, in wie weit das Verhalten der anderen mit unserer Denkweise übereinstimmt. Wir bewerten und beurteilen und oftmals sind wir auch schnell dabei, zu verurteilen.

Es ist tatsächlich eine große Herausforderung, sich permanent darin zu üben, Dinge einfach SEIN zu lassen. Wir interpretieren inzwischen die Ermahnung unserer Eltern „Lass das sein!“ immer mit „Finger weg!“. Doch steckt darin auch die Aufforderung, das, was ist, einfach SEIN zu lassen. Es zu betrachten, wie es ist, frei von Bewertung und einfach als gegeben annehmen. Diese Betrachtungsweise gibt uns die Möglichkeit, Neues zu entdecken, neue Sichtweisen kennenzulernen: „Ach so siehst Du das?! Aus dieser Perspektive habe ich die Sache ja noch nie betrachtet.“ Schon haben wir unseren Horizont erweitert und – was noch viel wichtiger ist – wir haben die Möglichkeit, einen interessanten Gedankenaustausch mit einer anderen Person zu haben.

Als Kairos-Trainerin weiß ich um die Dynamiken im Leben eines Menschen. Ich weiß zum Beispiel, wann er es besonders nötig hat, sich dick aufzuplustern oder wann ihm die Familie über alles geht. Wie Zahnwechsel zum Schulanfang sind solche Phasen einfach dran im Leben jedes Menschen und mit dem Wissen darum kann ich viel entspannter damit umgehen und die Menschen einfach Sein lassen statt mich darüber aufzuregen „wie kann der sich denn nur so dick aufspielen?!“ Das erleichtert das Zusammenleben ungemein und ist auch sehr nervenschonend.

Es bedarf des Trainings, sich immer wieder zu sagen „es ist, wie es ist“ und das auch auszuhalten, ohne deshalb in ein Phlegma zu verfallen. Sie dürfen sich einbringen, Sie sollen sich engagieren. Immer aus Ihrer Sicht heraus, ohne mit dem Finger auf andere zu zeigen, ob ‚in echt‘ oder im Geiste. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine wie-kann-man-denn-nur-freie Woche mit vielen neuen Impulsen.

Christina Broda
Kairos-Brief 30. September 2015

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