Ist ein Schneider ein besserer Kairosianer als andere Menschen?

Christina Broda

Christina Broda

“Ist ein Schneider ein besser Kairosianer als andere Menschen?” Ein Spruch von George Bernhard Shaw brachte mich auf diese Frage. 1936 soll Shaw gesagt haben: „Der einzig Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein Schneider. Er nimmt jedes Mal neu Maß, wenn er mich trifft, während alle anderen immer die alten Maßstäbe anlegen in der Meinung, sie passten auch heute noch…“ Wie weise dieser Schneider ist.

Er würde niemals einfach voraussetzen, dass unsere Figur von vor fünf Jahren heute noch dieselbe ist. Im Gegenteil, bevor er anfängt zu arbeiten, würde er sich unbedingt vergewissern wollen, wie wir heute sind. Er würde uns tagesaktuell vermessen, um zu wissen, was uns richtig passt. Er würde – sofern er ein höflicher Mensch ist – auch nicht quaken und uns vorwerfen „Ach, vor 5 Jahren war Ihr Taillenumfang aber noch 8 cm weniger.“ Im Gegenteil, er würde akkurat Maß nehmen und uns dann etwas genau zu uns und unseren aktuellen Daten Passendes anfertigen. Und sonst im Leben?

Wie oft hören wir in Gesprächen (gern auch von den Eltern, die oftmals besonders hartnäckig vermeiden zu bemerken, dass wir nicht mehr die süßen Kleinen mit 8 Jahren sind) „Ach, Du magst das gar nicht mehr? Wieso das denn? Früher hast Du doch sonst immer so gerne …. gemocht“ oder „Das wundert mich jetzt aber. Früher warst Du doch immer so begeistert wenn …“ Mal abgesehen, dass sich ganz allgemein mit zunehmendem Alter unser Geschmack und unsere Vorlieben entwickeln bzw. auch ändern, so ändern sich mit unserer jeweiligen Dynamik im Verlauf unseres Lebens auch die Bedeutungen, die Dinge für uns haben. Waren wir als Teenager vielleicht ganz heiß auf BRAVO und Schokokuss-Brötchen, so kann man uns heute vielleicht mit beidem jagen.

Der BRAVO sind wir längst entwachsen und das Brötchen ist uns inzwischen vielleicht viel zu süß. OK, bei uns selbst können wir noch am ehesten feststellen, ob für uns etwas noch Bedeutung hat. Wir spüren Freude oder Bauchgrummeln bei uns meistens ganz leicht. Aber als soziale Wesen meinen ja auch die Menschen in unserem Umfeld zu wissen, was für uns Bedeutung hat. Und dabei gehen sie in der Regel davon aus, dass immer noch das Bedeutung hat, was für uns Bedeutung hatte, als sie uns in die jeweilige ‚Schublade‘ reingesteckt haben. Nur in den wenigsten Fällen schauen sie uns ganz genau an und überprüfen, ob die Schublade, in die sie uns irgendwann reingesteckt haben überhaupt noch passt. Das ist ganz normal, denn es ist erstens für sie bequem und zweitens gibt es ihnen Sicherheit: Christina ist …, sie mag …., sie verhält sich … Schublade zu – super, passt!

Entsprechend unserer Lebensphasen setzen wir unterschiedliche Schwerpunkte und haben damit auch andere Bedeutungen. Fanden wir mit 16 pünktliches Erscheinen vielleicht total überbewertet, so mögen wir mit 47 viel Wert darauf legen. Ödeten uns Familientreffen als Jugendliche an, so finden wir sie mit 34 vielleicht sehr wertvoll und genießen sie sehr. Gehörten Sie zu denen, die im Geschichtsunterricht unterm Tisch gelesen haben, so lesen Sie vielleicht mit 40 ein Geschichtsbuch nach dem anderen, weil sie wissen wollen, in welchem großen geschichtlichen Ganzen Sie leben.

Auch wenn wir meinen, jemanden noch so gut zu kennen, so sind wir doch gut beraten, nicht nur auf unser vermeintlich gutes ‚Augenmaß‘ zu vertrauen, sondern wie ein Schneider immer wieder neu Maß zu nehmen. Wo genau steht denn unser Gegenüber? Was ist ihm gerade wichtig? Wo will sie langfristig hin? Was beschäftigt ihn? Was erfreut / bekümmert sie? Fragen dieser Art sind Ihr Zentimetermaß, wenn Sie ein guter Menschen-Schneider sein wollen. Im Alltag setzten wir viel zu viel voraus, wie etwas sein ‚soll‘ und sich zu entwickeln ‚hat‘.

Lassen Sie uns daher doch unsere Beziehungen, ob gesellschaftlich oder privat, durch eine gute Maß-Nahme für alle Beteiligten bereichern. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg in Ihrer ‚Schneiderei‘.

Mit herzlichen Grüßen, Christina Broda
Kairos-Leittext 25. Februar 2015

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