Sie verstehen? Natürlich, ich verstehe!

Dr. Karl Hofmann

Dr. Karl Hofmann

“Sie verstehen?” “Natürlich, ich verstehe!” Es sind oft kleine Wörtchen, die den tiefsten Grund einer Zeit und Mentalität erhellen. Ein solches Wörtchen ist heute wohl das „verstehe“. Es erscheint wichtig, sich selbst, andere, die Welt, die Geschichte, die Zukunft zu „verstehen“ – im ursprünglichen Sinne des Wortes: weg-stehen – etwas oder jemanden mit Abstand, distanziert, sachlich betrachten. Eine ganze Industrie des Verstehens hat sich entwickelt. Seine Produkte werden von Paaren und Eltern, von kleinen und großen Firmen, von Wirtschaft und Politik gebraucht.

Machen wir die Gegenprobe! Wie denken wir über Zeiten, in denen wenig verstanden wurde? Schaurige, finstere Zeiten waren das, denen jeder Abstand zu sich selbst fehlte.  Man kreuzigte, schlachtete, verbrannte alle, die anders waren. Ernsthaft fragten sich die Denker, ob solche anderen Wesen wie Ungläubige, Frauen, Indianer, Schwarze zur Gattung der Menschen als vernunftbegabte Wesen zu rechnen seien. Bis ins 20. Jahrhundert hinein hielt sich das Verständnis für Fremdes in engen Grenzen.

Sind wir weiter? Natürlich, so scheint es. Denn wir lernen alles zu verstehen. Wir lernen Distanz. Und diese befähigt uns, in Kommunikation mit fast allem zu treten. Sie hilft, Partner, Heimaten, Firmen, Parteien, Berufsfelder ohne große innere Mühe zu wechseln. Diesen Abstand schafft auch die Art der Medien, die wir benutzen. Zwischen Schüssen, Revolutionen, ekelerregenden oder grausamen Szenen und uns liegt immer eine Trennwand: ein Bildschirm, ein Telefon, ein Radio.

Doch seien an dieser Stelle ein paar Rückfragen erlaubt. Sind wir heute nicht einem Illusionismus verfallen, der  unser Bewusstsein von etwas abschneidet, was uns ursprünglicher ist als der eigene Leib mit all seinen Sinnen: die Welt des Nicht-verstehens. Bezeugt unser allzu schnelles „verstehe!“ nicht zumeist ein oberflächliches Interesse am andern – und an uns selbst? Ist es wirklich so gut für uns, wenn weder Begeisterung noch entgeisterte Ablehnung aufsteigen? Genau betrachtet, ist  wahres Verstehen eher ein seltener kostbarer Vorgang. Eigentlich hat für jeden die Welt der Infos, Emotionen, Handlungen eine andere Bedeutung. Jeder von uns ist eine Lichtquelle, in deren Schein erst die Wirklichkeit zu uns in Beziehung tritt und wir zu ihr. So weit dieses Licht strahlt, nehmen wir etwas wahr und ernst. Nur in diesem Bannkreis handeln wir für uns selbst sinnvoll. In diesem Licht gründet unser Wohlbefinden, die Helligkeit und Sinnhaftigkeit unseres Lebens.

Gibt es dann überhaupt eine echte Form des Verstehens? Ja, die Erkenntnis und Respektierung der ureigenen Lichtquellen jedes Menschen, jeder Epoche, jeder Lebensphase. Jeder hat SEIN In-Beziehung-Sein. Den anderen in seinem Anderssein bejahen ist mehr als ihn stehen lassen. Dieser Akt erkennt die kreative Kraft seines Lichtes an, ebenso dessen Veränderung. Er nimmt das Missverstehen als eine Grundgegebenheit der menschlichen Natur, als die Voraussetzung für die Möglichkeit menschlichen Miteinanders. Die Differenz zu entdecken ist das eigentlich Interessante; denn so entdeckt man zugleich das wahre Licht, die eigentliche Kraft und Kreativität der anderen. So begreift man das „Jedem das Seine“ tiefer. Es bedeutet: Jedem sein Kreativsein, sein Kairos, seine Wirklichkeit.

In diesem Sinne freue ich mich, wenn Sie diesen Text missverstehen.
Ihr Karl Hofmann

Kairos-Leittext 28. Januar 2015

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