Die Homepage – ein altes Problem

Dr. Karl Hofmann

Dr. Karl Hofmann

Die Homepage – ein altes Problem. Wir lachen darüber, wie seltsam sich die Menschen in der Barockzeit puderten, kleideten, benahmen, Perücken trugen, sich auf Porträts darstellen ließen. Verständlicher wird all das, wenn wir uns bewusst machen: das war die Ausstattung ihrer „Homepage“. Sie zwängten sich genauso in das Korsett der üblichen Präsentation wie wir die eigene Kompetenz im Internet in das Korsett irgendeiner Webseitenstruktur packen.

Damals betrachtete man einander auf der „Promenade“, wir surfen unbesehen durch die Webseiten unserer Konkurrenten. Wer damals gesellschaftlich etwas bedeuten wollte, musste am „Hofe“ präsent sein oder sich repräsentativ vertreten lassen. Unsere „Höfe“ sind die Internetforen. Nur Beamte oder Festangestellte können es sich leisten, dort nicht zu erscheinen. Der heutige Adel, die Wirtschaft, kann sich das nicht erlauben. Das geht so weit, dass die Präsenz im Internet „ein absolutes Muss für den stationären Einzelhandel“ geworden ist. In der Tat haben bereits 80% der Unternehmen eine eigene Homepage. 5,5 Milliarden soll das Online-Geschäft allein 2013 in Bayern erwirtschaftet haben. Dazu ein interessantes Zitat aus der ZEIT (4.4.2013, 56):
„Unser Problem ist eine Kultur des Verdachts, die dem Zwang zur Verstellung entspringt. Dauernd wird in der schönen glatten Mediendemokratie von „Performance“ geschwärmt. Mehr denn je soll der Einzelne „etwas darstellen“ und „sich präsentieren“. Was zählt, ist der Auftritt – und nicht, ob einer das Richtige tut. …Nur wo wir uns selber treu sind, nur wo Gefühl und Äußerung übereinstimmen, sind wir auch aufrichtig. Aber wo wir aufrichtig sind, sind wir angreifbar. Deshalb ziehen viele Leute es vor, sich zu „präsentieren“. Das ist die salonfähige Feigheit unserer Zeit.

Auf welche Seite stellen wir uns? Was befähigt uns, auch auf der Medienebene authentisch zu bleiben? Irgendwann wird man über unsere „Präsentationen“ so lächeln wie wir es tun, wenn wir diese für uns seltsamen Barockaufzüge sehen. Was haben wir dann zu sagen?

Ihnen eine gute Woche
Karl Hofmann

Kairos-Leittext 19. November 2014

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