Archiv für den Monat: April 2015

Die Wahrhaftigkeit bedarf der Wahrheit.

Christina Broda

Christina Broda

Die Wahrhaftigkeit bedarf der Wahrheit. Manchmal leben wir frei wie ein Vogel sorglos in den Tag hinein. Wir genießen einfach unser Sein ohne uns große Gedanken um irgendetwas zu machen. Dann aber gibt es auch wieder Tage, da beschäftigen wir uns mit den großen Fragen des Lebens: „Wer bin ich?“, „Wo will ich hin?“, „Habe ich mein Leben sinnvoll genutzt?“, „Was kommt noch?“. Ob bewusst oder unbewusst, streben wir alle ständig nach unserem Optimum. Wir wollen, dass unser Sein und unser Handeln sinnvoll und für uns bedeutungsvoll ist. Wir wollen herausfinden, wer wir wirklich sind, wir wollen das sagen, was uns ausmacht, wir wollen das tun, was uns wirklich erfüllt, wir wollen wahrhaftig sein und agieren. Unser Leben ist darauf angelegt, dass wir uns selbst finden.

Aber wie sieht denn das in der Praxis aus? Wer kennt sie nicht, die kleinen Stimmen im Hinterkopf, die uns in einem oftmals babylonischen Gedankengewirr von unserem ureigenen Weg abhalten wollen. „Ach, das ist viel zu anstrengend“, „Mach lieber das weiter, was Du machst, da weißt Du, was Du hast“, „Meinst Du wirklich, dass Du das kannst?“, „Wenn Du das machst, dann denken die anderen, Du wärst…“, „Willst Du in Deinem Alter wirklich noch…?“. Das ist ein ständiges Geplapper und Sie können entscheiden, ob Sie negieren, zögern, aufschieben, nachgeben, ganz wie Sie wollen. Kommt Ihnen das bekannt vor?

Nun gibt es aber noch eine weitere Stimme. Es ist Ihre ‚Innere Stimme‘, die Ihnen tief aus dem Herzen oder tief aus dem Bauch oder tief aus der Seele spricht. Die Stimme, die ausspricht, was Sie wirklich, wirklich für sich wollen. Ist d i e s e Stimme verhandelbar? Ganz klar: ‚Nein!‘, denn die Wahrhaftigkeit bedarf der Wahrheit. Wir können uns unser Leben lang selbst belügen. Aber dann werden wir nie unser Optimum erreichen, nie ganz in unserer Kraft sein und nie die erfüllte, lebendige Zeit haben, die wir uns alle für uns wünschen. Um wahrhaftig wir selbst zu sein, müssen wir uns unseren Ängsten, Sorgen, Freuden, Träumen stellen. Wir müssen aus der Dauerberieselung des Alltags stark herausfiltern, was uns gut tut und uns nützlich ist auf unserem Weg zu unserer Echtheit. Wir müssen den Mut haben, uns gegebenenfalls auch gegenüber anderen abzugrenzen, die uns aus verschiedensten Gründen von unserem Weg fernhalten wollen. Wir müssen lernen, unsere innere Stimme wahrzunehmen – und wir müssen ihr zu vertrauen lernen und ihr zu folgen.

Das an dieser Stelle schon oft erwähnte Kairos Navi ist eine Erinnerung an unsere Echtheit. Es gibt uns andauernd Hinweise – auch wenn die nicht so klar sind wie beim Navi im Auto. Darum tun wir gut daran, uns immer wieder die Fragen zu stellen: ‚Was passiert da gerade? Was will mir das sagen?‘ und uns ständig im bewussten Wahrnehmen zu trainieren. Ohne Wahrheit sich selbst gegenüber, gepaart mit dem Mut, sich ihr zu stellen, werden Sie nie Ihre Wahrhaftigkeit erreichen, Sie werden faule Kompromisse machen, sich verbiegen, sich ärgern und zwar auch irgendwie leben, aber nicht in Ihrer Fülle und nicht das Leben, das Sie als wirklich sinn- und bedeutungsvoll empfinden.

Die Wahrhaftigkeit bedarf der Wahrheit, sich selbst und anderen gegenüber. Sind Sie wahrhaftig Sie selber, sind Sie echt, dann haben Sie der Welt eine Menge zu geben. Heutzutage ist die Sinnfrage eine der meist gestellten Anliegen. ‚Alle Welt‘ scheint auf der Sinnsuche zu sein. Ja-Sager und Blender haben wir viel zu viele. Wonach wir suchen ist Echtheit. Und die gibt es nur mit Wahrheit. Sollten Sie gerade wie ein Vöglein sorglos in den Tag leben, genießen Sie diesen Zustand noch eine klitzekleine Weile.  Allen Suchenden wünsche ich viel Mut auf ihrem Weg zur Wahrhaftigkeit, aber vor allem ganz viel Freude und Erfülltsein bei der Entdeckung ihres wahren Selbst.

Mit herzlichen Grüßen, Christina Broda
Kairos-Leittext 17. April 2015

Sie ist dumm, und sie will es bleiben!

Christina Broda

Christina Broda

“Sie ist dumm, und sie will es bleiben!” Bei regnerischem Wetter habe ich mir neulich mit viel Freude einen Märchenfilm angesehen. Am Ende einer langen Brautschau unter den Prinzessinnen des Landes sagte der Prinz über eine abgelehnte Kandidatin „Sie ist dumm – und sie will so bleiben!” Dieser Satz hat mir so gut gefallen, dass ich ihn hier gleich verwenden möchte. Denn kennen Sie in Ihrem Umfeld nicht auch Menschen, die sich dafür entschieden haben, dumm zu bleiben? Vielleicht ist ‚dumm zu bleiben‘ etwas hart gesagt. Aber zumindest Menschen, die spätestens nach der Ausbildung für sich entschieden haben, freiwillig nichts Neues  mehr dazu lernen zu wollen.

Für mich, die sich lebenslanges Lernen mit Begeisterung auf ihre Fahnen geschrieben hat, eine unverständliche Haltung. ‚Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir!‘  lautet der im Bildungsbereich gern zitierte Ausspruch, den Seneca ursprünglich übrigens genau anders herum formuliert hat, nämlich ‚non vitae sed scholae discimus‘. Als Schüler denken wir ja tatsächlich oft, wir lernten nur für die nächste Mathearbeit und für das Versetzungszeugnis. Einige lernen angeblich auch nur so viel, weil es für jede 1 von der Oma 5 Euro gibt.

Oft begreifen wir zu spät, welcher Luxus Wissen und seine Aneignung ist. Dabei bedeutet Lernen doch Fülle! Erst einmal im Kopf, weil das Wissen ja irgendwie gespeichert werden muss. Aber dann bedeutet Wissen auch ganz viel Fülle im anderen Sinne, wenn man sich wie in einem Supermarkt aus verschiedenen gut gefüllten Regalen sorglos bedienen und einen wundervollen Präsentkorb zusammenstellen kann, je nach dem, wer der Empfänger ist. Schulanfängern schreibe ich gerne auf die Karte, dass Lernen, vor allem das Lesen können, die Welt richtig groß macht. Wir können uns selbst informieren über alle möglichen Themen, wir können uns bis zum Experten Spezialwissen aneignen. Wir sind unabhängig von jemandem, der uns ‚vorliest‘, weil wir selbst in der Lage sind, uns Wissen anzueignen. In Zeiten des Internets ja noch leichter als früher.

Alles in der Natur will wachsen, größer werden, sich ausbreiten und in voller Schönheit zeigen. Warum sollte es unserem Geist anders gehen?

In den kairologischen Lebensphasen lernen wir unterschiedlich, unserer jeweiligen Dynamik entsprechend. In der Lebensphase 1, die für die Ur-Liebe steht, lernen wir eher emotional. Wir werden getragen, gehoben, gestreichelt, geküsst wenn wir gelernt haben, fein Bäuerchen zu machen oder unseren Teller leer zu essen. Wir spielen viel und lernen daraus. Unsere krickeligen Kinderzeichnungen nehmen unsere Tanten von uns mit Tränen der Rührung in den Augen entgegen. Wenn Mama uns liebhält, ist alles gut! Wir lernen spielerisch und über Emotionen.

In Lebensphase 2, die für den Ur-Glauben steht, lernen wir den Glauben an, gut und böse, richtig und falsch‘. Dann werden wir von Vater, Lehrer oder Sporttrainer belohnt und gelobt, wenn wir etwas gelernt haben. In der ersten Klasse bekommt man noch drei Pferde- oder Hundestempel, wenn man etwas richtig gut gemacht hat, später dann eine 1. Wir können gar nicht abwarten, zur Schule zu kommen und sind sehr wissbegierig. Wir lernen über Beurteilung durch (hoffentlich) positive Autoritäten.

In Lebensphase 3, die für die Ur-Hoffnung steht, in die ja auch die Pubertät fällt, hoffen wir darauf, dass das, was wir vorher gelernt haben, auch Bestand hat. Wir wollen lernen, um zu verstehen. Pubertär provozierend testen wir aus, ob das, was man uns beigebracht hat, tatsächlich gilt. Wir testen aus, ob die Beziehung noch Bestand hat, wenn wir uns gegen die Regeln verhalten und wir hoffen, dass es zutrifft. Wir lernen durch das In-Beziehung-Setzen des Erlernten mit unserem Verhalten und die Reaktion unserer Umwelt darauf.

Diese Lernprozesse ziehen sich in ihrer jeweiligen Form durch unser Leben. In der letzten Phase der Persönlichkeitsentwicklung, im Alter zwischen 52 und 58 Jahren, der Lebensphase 9, setzen wir dann alles aus unserem Leben miteinander in Beziehung. Wir wollen das Wissen haben, das unsere eigene Ganzheit fördert und unser eigenes Profil schärfen. Und da in Lebensphase 9 müssen wir dann auch Farbe bekennen vor uns selbst, ob wir wirklich unser Leben unseren Anlagen, Potenzialen, unseren Fähigkeiten entsprechend gestaltet und gelebt haben.

Wenn dann dabei rauskommt, dass jemand ab 20 – ich übertreibe jetzt etwas – nur noch BILD-Zeitung gelesen und RTL geguckt hat, sich für sonst nichts interessiert und nichts dazu gelernt hat, so können wir davon ausgehen, dass diese Person nicht das Optimum aus ihrem Leben gemacht und ganz sicher nicht ein erfülltes Leben geführt hat. Ihre Entscheidung an einem bestimmt Punkt im Leben war: ‚sie ist dumm – und sie will so bleiben‘. Das Wort dumm ist in diesem Sinne dann eher als eingefrorener Status Quo anzusehen.

Überall auf der Welt kämpfen Menschen darum, lernen zu dürfen. Sie haben den Traum von ganz viel Wissen und eine Ahnung von der Vergrößerung ihrer Welt durch dieses Wissen, kurz: sie streben nach der Fülle des Wissens. „Schmiede das Eisen, so lange es heiß ist“, finde ich in diesem Zusammenhang ein gutes Ansinnen. Denn wenn der Wunsch nach Lernen kommt, das dann auf später zu verschieben, weil dann …. besser ist, ist wahrscheinlich dann erst mal für lange Zeit aufgeschoben. Dem gegenüber halte ich den Spruch „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ für eine faule Ausrede. So viel Menschen haben im Rentenalter noch neue Hobbies gelernt, die Vorlesungen an den Senioren-Universitäten sind rappelvoll.

Und wozu nun das alles? Weil ich Ihnen wünsche, dass Sie ganz viel Freude am ewigen Lernen, an der damit verbundenen Eroberung Ihrer Welt und an dem köstlichen Gefühl der diesbezüglichen riesigen Fülle in sich erfahren. ‚Sie ist dumm – und sie will so bleiben‘ ist dann für kein Mitglied dieser Gruppe, egal ob Mann oder Frau, ein zutreffender Satz – und DAS, liebe Gruppenmitglieder, finde ich, kann gerne so bleiben!

Eine lernreiche, heitere Woche.
Christina Broda

Kairos-Leittext 8. April 2015

Kairos, Ostern und Auferstehung

KAIROS-Gedanke 1Apr15Kairos, Ostern und Auferstehung: So kurz vor Ostern kommt uns erneut in den Sinn, wie ein Kairos bewusstes Leben uns immer wieder „Auferstehung“ ermöglicht. Vieles geschieht in unseren Leben so selbstverständlich, dass wir es niemals „Auferstehung“ nennen würden. Zum Beispiel bei einem eingescanten Dokument: Das Original ist einmalig, die Reproduktion dagegen ist „ewig“, beliebig wiederholbar – sobald der Scan gespeichert ist. Dazwischen läuft ein Prozess ab. Von dem wir  manchmal ein grelles Licht sehen, in dem (wer weiß schon, wie?) die Sache blitzartig verwandelt wird.

Jede CD, jeder Film, jedes Foto, jedes Telefonat, ja jede Art digitaler Speicherung ist „Auferstehung“ und der Weg zur permanenten Verfügbarkeit ist gleichsam eine „Himmelfahrt“. Uns ist bewusst, so würden wir alle niemals über diese Dinge reden. Wir sprechen über das, was wir sehen, hören, begreifen. An eine „Auferstehung“ und „Himmelfahrt“ müssen wir  g l a u b e n  können.

Was hat das Ganze nun mit Ostern zu tun? Auch die Jünger Jesu haben „nur“ gesehen, gehört, begriffen. Auch von ihnen hat keiner in einem bewussten Sinne  g e g l a u b t. Lassen wir jetzt unsere Gedanken zu Kairos fließen, werden wir feststellen: Kairos ist auch nicht etwas, was ich glauben kann. Und dennoch verwandelt Kairos Reales in neue Bedeutungsrealität. Das heißt: Ein zunächst neutraler, sachlicher Vorgang – ein Gespräch, ein Blick, ein Text – wird durch unseren  G l a u b e n  auf einmal bedeutsam.

Wir sagen vielleicht bloß: „Das interessiert mich.“ oder „Das ist richtig“ oder „Das ist mir wichtig“. Dabei wird uns selten dieser Moment bewusst, in dem wir etwas blitzartig auf eine neue Ebene gehoben und damit verwandelt haben. Die Sache ist jetzt meine, unsere. Indem ich sie mit meiner Geistes- und Lebenskraft erfülle, lasse ich sie „auferstehen“. So wird ein Mensch auf einmal mein Partner, ein Satz auf einmal mein Glaube, eine Idee auf einmal mein Unternehmen. Was neutral war, was also für mich als Mensch tot war, wird in meiner Kraft lebendig und diese Kraft gibt ihm seinen Platz im meiner Beziehung zum Ganzen. Wir tun das ständig. Es lohnt sich, sich diese wesentliche Verwandlung manchmal bewusst zu machen. Je mehr sich etwas für mich mit Leben füllt, desto mehr lebe ich – wirklich.

Wir laden Sie ein, sich diese Woche manchmal bewusst zu machen, wie sehr auch wir Dinge und Menschen „auferstehen“ lassen.

Herzliche Grüße
Gabriela Linne und Karl Hofmann

Kairos-Leittext 1. April 2014